Ein Taschentuch für die Liebe

"HAST DU EIN TASCHENTUCH, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging. Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, daß die Mutter mich am Morgen behütet. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt. Die Frage HAST DU EIN TASCHENTUCH war eine indirekte Zärtlichkeit. Eine direkte wäre peinlich gewesen, so etwas gab es bei den Bauern nicht. Die Liebe hat sich als Frage verkleidet. ...  Jeden Morgen war ich ein Mal ohne Taschentuch am Tor und ein zweites Mal mit einem Taschentuch. Erst dann ging ich auf die Straße, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei."  Mit diesen Sätzen eröffnete Herta Müller ihre Antrittsrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 2009.

 

Vor einigen Tagen begegnete ich dieser Rede, sie ging mir unter die Haut. Das Taschentuch als Symbol und als Sprachrohr, als Ausdruck für die Liebe der Mutter zu sehen. Unbeholfen, versteckt. In den Bildern Herta Müllers liegt viel Kraft. Welche Dichte und welche Wirkung aufgeschriebene Erinnerungen haben können, zeigt sich hier. Wie unspektakulär ist es doch, jeden Morgen ein Taschentuch von der Mutter zu bekommen. Doch Herta Müller schafft es, diese Geste in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

 

Diese Sätze bringen mich zum Nachdenken: Welche Gesten begleiteten mich? An welche Sätze aus der Kinheit kann ich mich erinnern?

 

Autobiografisches Schreiben lässt dies gelingen: kleine Momente und Erfahrungen, die ich aus meinem heutigen Blick betrachte, bekommen beim Schreiben einen besonderen Stellenwert. Sie werden neu beleuchtet. Ich erkenne als Schreiberin plötzlich eine Tiefe und Dimension, die in dem Erlebnis lag. Für diesen Moment Bilder zu finden, um die Gefühle auszudrücken: auch darin liegt die Kraft des Schreibens. Man durchlebt es nochmals, fühlt es nochmals, wird sich bewusst. Das Besondere aber ist, dass man es heute in einem neuen Licht bewerten kann. Traurige wie schöne Erinnerungen lassen sich so nochmals erleben, festhalten und eben auch "verarbeiten".

 

Vielleicht halten Sie einen kurzen Moment inne und hören in sich hinein.

Worin liegen Ihre Ausdrucksmöglichkeiten, einer nahen Person zu sagen oder zu zeigen, dass Sie sie lieben, ohne es direkt auszusprechen?

 

Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie es auf! Nehmen Sie ein Stück Papier und einen Bleistift, kauen ein wenig am Holz, fühlen mit der Zungenspitze die kalte Mine und lassen Sie ihre Gedanken kreisen. Ein Wort drängt aufs Papier, dann das nächste.

 

 

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Die Süße der Erinnerung...
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Die Entdeckung der Zwischenräume

Zwischenräume. Beim Gehen in der warmen Frühlingsluft entdecke ich, wie ein kleines Büschel Grashalme sich den Weg aus einem trockenen Erdhügel bahnt. Die Erde ist an dieser Stelle rissig, und genau aus diesem Zwischenraum schiebt das junge Grün seine Triebe hervor. Dabei wird mir bewusst, wie einfach und doch elementar diese Art von Zwischenraum ist. Aus einem scheinbar trockenen Erdhaufen entpringt junges Leben.

 

So ist wohl unser Leben gestrickt: Jeder Raum bietet Raum für Neues. An dem Zaun, an dem ich vorbeikomme, sind einige Latten kaputt. Der gehört wohl repariert, denke ich. Und gleichzeitig aber kann ich so einen Blick in den Garten des Besitzers werfen oder die Katze kann durch das Loch klettern und findet ihren Weg.

 

Überall sehe und bemerke ich plötzlich Zwischenräume. Wenn meine Lungen die Luft einatmen, dann dehnen sich die Rippenbögen aus und geben dem Sauerstoff Platz, sich dort auszubreiten. Wenn der Wind durch meine Haare streicht, dann kann er das nur, weil die Haare so locker und durchlässig sind. Und das Profil der Autoreifen ist es, das im Winter das Fahrzeug in der Spur hält.

 

Ohne Zwischenraum würde es eigentlich ja gar kein Leben geben. Denn wenn das Wasser nicht durchlässig genug wäre, um Sauerstoff darin speichern zu können, hätte sich wohl kein Leben darin entwickelt. Hätten sich keine Einzeller zu jungem Leben formen können. Und ohne Athmosphäre? Sie hält uns das Weltall fern. Sonst würden wir ebenso nicht existieren und unsere Erde wäre ein Planet wie die Millionen anderen, auf denen kein Leben möglich ist.

 

Das Nachdenken über diese Zusammenhänge macht mich euphorisch: Ja, so funktioniert es, DAS ist DIE Erkenntnis! Natürlich weiß ich, dass es perfekte naturwissenschftliche Erklärungen und Erkenntnisse für all das gibt, doch für mich ist es eine tiefe philosophische Betrachtung. Sie ermöglicht mir einfach, dankbar zu sein für das, was ich bei diesem Spaziergang erleben darf. Sie lässt mich mit einer gewissen Art der Ehrfurcht auf das Gras blicken, das so klein und verletzlich und jung und grün aus der Erde wächst.

 

Angestaubte Überlegungen? Vielleicht, aber sie lassen mich sehr zufrieden sein und geben irgendwie Kraft.

 

 

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Was wäre die Welt ohne Gänseblümchen?
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